Edition Mano
Das Bologneser Bildergeschichten-Magazin MANO und sein Umfeld sind beim diesjährigen Fumetto zu Gast. Hans Keller besuchte die Macher.
Bologna ist eine meiner Lieblingsstädte und besitzt seit langem eine sehr aktive Comicszene, welcher es derzeit blendend
geht. Was nicht immer so war. In den frühen 90ern, als ich zum ersten Mal persönliche Kontakte mit vielen italienischen Comic-schöpfern zu knüpfen begann, war in verschiedener Hinsicht
ein Einbruch festzustellen. Heute ist man aber auf dem besten Weg, alte Probleme zu lösen, etwa die Beseitigung jenes Man-kos an geeigneten Medien für progressive Bildergeschichten. Italien verfügt seit Jahrzehnten über ein grosses Potential
an kreativen Comicschöpfern. Bologna ist in den 80er-Jahren Zentrum des Fumetto Nuovo gewesen, repräsentiert durch
die lockere ComiczeichnerInnen-Gruppe Valvoline, zu der heutige Grössen wie Mattotti zählten. Valvoline brach mit allen
optischen und inhaltlichen Konventionen des nach wie vor vitalen italienischen Populärcomics. Man experimentierte mit expressionistischem Futurismus, der allerdings völlig zeitge-mäss daherkam. Die Ideen und Ideale sind keineswegs gestorben - jedenfalls nicht, solange sie ein wahrer Cerberus wie Igort bewacht, der eine treibende Kraft hinter der Bewegung gewesen ist. Comiczeichner, Verleger, Maler: schlicht unglaublich, was für ein Pensum der Mann seit Jahren bewältigt. Ausserdem dürfte Igort der einzige europäische Comicschaffen-de sein, der nach wie vor gute Kontakte zur Manga-Szene pflegt, für die er lange Zeit gearbeitet hat.
 Seit anderthalb Jahren ist Igort Verleger. Zusammen mit zwei anderen Beteiligten betreibt er in Bologna die Coconino
Press. Der Verlagsraum befindet sich an der Peripherie von Bologna in den Räumlichkeiten einer anderen Edition. Igort bringt monatlich zwei Bücher heraus: von Seth über Adrian Tomine, Mazzucchelli, Baru und Daniel Clowes bis zu Taniguchi und Tezuka. Ausserdem verlegt Igort sich selbst, das bisher zweimal erschienene Sammelmagazin Black sowie Stefano Riccis und Giovanna Anceschis MANO.
Igort lebt seit einiger Zeit hauptsächlich in Paris, da er dort die berufliche Inspiration findet, die ihm, nach eigenen Angaben,
in Bologna zurzeit fehlt. Nach Paris gezogen sind inzwischen auch Muñoz und Mattotti, Igort schätzt den Umgang mit diesen Kollegen und Freunden. Verlag und Basis befinden sich aber immer noch in Bologna, das franko-italienische Hin und Her hat Tradition und Zukunft. Wie schafft Igort das alles? Igort ist die Ruhe selbst. Gelbrot kariertes Hemd, 50er-Jahre-Frisur, ge-pflegter Schnurrbart. Einer, der die Mystik des Comics lebt, der stundenlang darüber philosophieren kann und dann den Zeichenstift zur Hand nimmt, um zu demonstrieren, wie die Theorien auf dem Papier auszusehen haben. Eine Ausnahme-erscheinung. Und einer, der Vergangenheit und Zukunft zu
verknüpfen weiss. Auf Valvoline angesprochen, verteidigt Igort heute noch die damaligen Visionen: "Valvoline ist eine Welt
für sich gewesen, in der es um die Verbindung von Elementen ging, wie man sie so zuvor noch nie in einem Comic verknüpft hat. Es wurde da klargemacht, dass man auch im Comic aus akademischen Denkschemata ausbrechen kann." Eigentlich hat sich Igort immer als Bilderzähler betrachtet, mit Betonung
auf "Erzähler". Im eigenen Verlag ist "Sinatra" erschienen, eine biographische, zweifarbige Bildergeschichte in sensiblem, atmosphärischem Realismus. Ausserdem arbeitet Igort zurzeit unter anderem an einem umfangreichen Comic-Roman.
Wann immer ich in Bologna bin, kann ich bei Giovanna Anceschi und Stefano Ricci übernachten. Diesmal sind die beiden und der mithelfende Andrea Bruno am Rotieren, muss doch das zu Fumetto in Luzern erscheinende MANO fertiggestellt werden. Man sitzt Tag und Nacht am Computer, in der Küche werden Kopien gelesen. Ohne Eitelkeit darf man erzählen, dass STRAPAZIN und mein erster Besuch bei Stefano und Giovanna im Jahr 1994 direkten Einfluss auf
das Entstehen von MANO hatte. Die progressive Fumetto-Szene befand sich damals in einem Tief. Valvoline existierte nicht mehr und es war für
alternative Comiczeichner schwierig, Verleger zu
finden. Angeregt durch STRAPAZIN, beschlossen Giovanna und Stefano, mit MANO eine Plattform für Bildergeschichten zu schaffen, die neben Comics immer auch - im weitesten Sinne narrative - Kunst berücksichtigt, etwa Beiträge von Balthus, Beuys oder Francesco Clemente.
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