Special Guest Joe Sacco
Comiczeichner, die sich zum jugoslawischen Bürgerkrieg zu äussern versuchten, haben sich dabei
meistens blamiert. Entweder entglitten ihnen ihre karikierenden Bilder in simple parteiische Hetze, oder sie wollten den Überlebenskampf der Opfer als packenden Action-Thriller inszenieren. Den
einzigen ernstzunehmenden Versuch, die Geschehnisse in Bosnien in Comic-Form festzuhalten, hat der Zeichner Joe Sacco vorgelegt: in seiner Reihe "Stories from Bosnia".
Sacco hat sich Anfang der neunziger Jahre als Autor "autobiographischer" Comics einen Namen gemacht; in seiner Serie "Yahoo" reüssierte er als Kritiker
und Chronist der Berliner Hardcore-Szene. Das dort erprobte Genre des gezeichneten Erlebnisberichts hat er später zum Konzept "journalistischer" Comics erweitert. In seiner zwölfteiligen "Palestine"-Serie,
die von 1992 bis 1996 erschien, schilderte er seine Reisen nach Hebron und in den Gazastreifen. Mit
beigefügten politischen Hintergrundinformationen erweiterte er die kleinen Comic-Fragmente zu einer subjektiven, gleichwohl äusserst reflektierten Ansicht des Konflikts zwischen Palästinensern und Israelis. Den Stil des "dokumentarischen" Comics, den er in seinen Palästina-Reportagen entwickelt hat, hat Sacco auch in seinen "Stories from Bosnia" angewandt und erweitert: so etwa in dem Band "Safe Area Gorazde", in dem er von seinen Besuchen in der UN-Schutzzone Gorazde berichtet. Auf deutsch liegt von diesen Jugoslawien-Reportagen bisher leider nur die Geschichte "Soba" vor (in Strapazin
Nr. 52); in ihr zeigt sich aber beispielhaft Saccos be-sonderer Reportage-Stil, die Genauigkeit seiner Be-obachtungen und die Fähigkeit, die unheimliche Alltäglichkeit des Lebens im Krieg in Bilder zu fassen.
"Soba" schildert Saccos Erlebnisse in Sarajevo; im Jahr 1995 hat er dort einige Monate im Dunstkreis der örtlichen Bohème verbracht. Titelheld Soba, der dabei sein Gastgeber war, war zu Friedenszeiten der Chef-Entre-preneur im Nachtleben der Stadt: ein neurotischer Twentysomething, der sich als Sänger einer Hardcore-Band die Seele aus dem Leib schrie und in den örtlichen Szene-Bars die Rolle des beliebtesten Gasts innehatte.
Den Ausbruch des Kriegs hat Soba als Katastrophe erlebt - aber auch als persönlichen Geltungsschub. Als Repräsentant der verzweifelten "Jugend-kultur" in Sarajevo wurde er zum beliebten Gesprächspartner für west-liche Medien. Selbst als er schliesslich Gelegenheit dazu erhielt, mochte er das zerstörte Sarajevo nicht mehr verlassen: "Überall anders", erläutert er Sacco, "wäre ich ein Niemand."
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Biographie
Joe Sacco wurde in Malta geboren und
hat an der University of Oregon Journalismus studiert. 1988 veröffentlichte er seine ersten Comics ("Yahoo", sechs Hefte insgesamt). 1991/92 reiste er nach Israel und besuchte den Gazastreifen. Zuerst als Comics-Hefte, neun insgesamt, unter dem Namen "Palestine", veröffentlicht, ist dieses herausragende Beispiel von Comic-Journalismus 2001 bei
Fantagraphics neu als Buch veröffentlicht
worden. Durch die zweite Intifada hat es nichts an Aktualität verloren. Herausragend auch seine Reportage über den Bosnienkrieg: "Safe Area Gorazde" (Fantagraphics, 2000). "The Rude blues" erschien 1999 im amerikanischen Männer-Lifestyle-Magazin "Detail". Joe Sacco lebt in der Nähe von New York.
Weitere Infos
» www.fantagraphics.com/artist/sacco/sacco.html
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