Internationales Comic-Schaffen



David B. - Stargast
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Gastgruppe Südafrika
Katz & Goldt
Junge Zeichner aus Spanien
Calle Claus, TeER, Jule K.
Willem – politischer Cartoon
Comics im Kunstmuseum Luzern
True Stories


David B. - Stargast
März 2004
[ 3 ] Festsaal Maskenliebhaber, Süesswinkel 7

kornmaert



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Unvermittelt taucht er hinter Jean-Christophe auf, in Gestalt eines Drachens mit gefrässigem Maul und schlangenartig gewundenem, prächtig ornamentiertem Körper: Der epileptische Anfall, der den Jungen zu Boden reisst und wild zuckend mit ihm ringt. Derweil steht der kleine Bruder David daneben, erschrocken, manchmal auch staunend oder einfach nur traurig, dann wieder voll Hass auf seinen Bruder - immer aber hilflos.

In seinem Hauptwerk "L'Ascension du Haut Mal" setzt der 1959 in Nîmes geborene und in Paris lebende David B. im Genre der Comic-Autobiographie neue Masstäbe. David B. ist mit Lewis Trondheim, Jean-Christophe Menu, Killoffer und anderen ein Gründungsmitglied des unabhängigen Autorenverlags L'Association, der in den neunziger Jahren einen Umbruch in der Szene auslöste, indem seine Autoren den herkömmlichen Genres persönliche, nicht selten autobiographisch gefärbte Geschichten entgegensetzten. Damit riefen sie in Erinnerung, dass die Bande dessinée weit mehr Ausdrucksmöglichkeiten bietet als die von der Industrie hartnäckig perpetuierten Stereotypen und Serienhelden. Dank ihres Erfolgs setzte sich die Vorstellung eines zeitgemässen Autorencomic rasch durch, und die Association fand in ganz Europa Nachahmer.

Die Comic-Autobiographie, die den Trend mitausgelöst hatte, drohte indes bedeutungslos zu werden, weil sie allzu oft zur Bühne für die nabelbeschaulichen Alltagsbelanglosigkeiten berufspubertärer Männer verkam. Seit einiger Zeit erlebt sie jedoch eine Renaissance: Mehr und mehr Autoren stellen ihr Schicksal in grössere gesellschaftliche oder politische Zusammenhänge. Marjane Satrapi mit "Persepolis" natürlich oder der Genfer Frederik Peeters, der in "Pilules bleues" die Beziehung zu seiner HIV-positiven Freundin und deren ebenfalls von Aids bedrohten Tochter schildert. Diese Entwicklung hat David B. zweifellos mitgestaltet, da er in "L'Ascension du Haut Mal" allen Versuchungen einer selbstgefälligen Inszenierung seiner selbst widersteht, sondern vielmehr eine schonungslose Auseinandersetzung liefert, eine Auseinandersetzung mit der Epilepsie seines Bruders, mit der Familiengeschichte, mit den spirituellen Verwirrungen der sechziger und siebziger Jahre und nicht zuletzt mit seiner eigenen künstlerischen Entwicklung im Schatten des "Haut Mal", des "Hohen Übels", wie die Epilepsie in Frankreich auch genannt wird.

Gerade wegen Letzterem nimmt "L'Ascension du Haut Mal" eine Sonderstellung in David B.s Schaffen ein - in der Tat liefert der sechsbändige Roman den Schlüssel zu seinem sehr reichen und komplexen Werk. "L'Ascension du Haut Mal" macht deutlich, wo die Wurzeln von David B.s inhaltlichen Obsessionen und Themen, seiner Vorliebe für gewisse Genres und nicht zuletzt auch seiner Bildsprache liegen: In seiner Kindheit und in der Krankheit seines Bruders Jean-Christophe. Diese versetzte das Leben der Familie Beauchard in einen ständigen Ausnahmezustand. Seine Anfälle bestimmten den Lebensrhythmus, an Normalität war nicht zu denken, und weil die Familie immer wieder umzog, um näher bei einem bestimmten Therapeuten zu sein oder der Intoleranz verständnisloser Nachbarn zu entfliehen, tauchte David immer tiefer in seine von literarischen Figuren und Fabelwesen bevölkerte Fantasiewelt ein.

"L'Ascension du Haut-Mal" ist auch ein Stück Zeitgeschichte: Durch den sich andeutenden Zerfall der gesellschaftlichen und religiösen Werte desorientiert und enttäuscht von der Schulmedizin suchten die Eltern, ein aufgeschlossenes Lehrerpaar, Jean-Christophes Heil anderswo. Es begann eine Jahre währende Irrfahrt durch das Labyrinth von esoterischen Entwürfen, asiatischen Heilslehren, Makrobiotik, Anthroposophie, Rosenkreuzler, allerhand anderen Sekten bis hin zu Spiritismus und Alchimie - all das also, was sich im Lauf der siebziger Jahre zum New Age verschmolz. Jean-Christophe frommte dies leidlich wenig. Zwar ging es ihm zwischenzeitlich besser, die Rückfälle waren aber umso tiefer, und trieben die Familie zum nächsten Scharlatan.

David B.s intensive Auseinandersetzung mit Krieg und fantastischen Abenteuern, mit Religionen, Mythologien und ihren Häretikern, mit Geschichte und Literatur - das alles hat seinen Ursprung in der Epilepsie seines Bruders. Der Gewalt von Jean-Christophes Anfällen setzte er schon früh, als eine Art "zeichnerische Epilepsie", gewalttätige Comics über blutrünstige Mongolenhorden und andere Kriegsgemetzel entgegen. Später saugte er alles auf, was er sah und hörte und las, jede spirituelle Gedankenwelt, jede noch so abstruse esoterische Theorie, und da keine die Leiden seines Bruders zu lindern vermochte, verhärtete sich sein Skeptizismus. Ausserdem schärften die epileptischen Krisen seinen Blick für das Unsichtbare und seinen Sinn für das Unerklärliche.

Bis heute ist David B. Agnostiker, bis heute ist aber seine Faszination für Religionen, Mythologien und Esoterik ungebrochen und inspiriert viele seiner Geschichten. In seinen Zeichnungen bildet er die Realität nie nur ab, sondern deutet sie, überhöht sie metaphorisch und findet Bilder selbst für die abstraktesten Gedanken. Damit hat er einen Kosmos von grosser inhaltlicher und graphischer Eigenständigkeit geschaffen, auch wenn er sich durchaus zu einer klassischen, narrativen Bande Dessinée bekennt und sich gerne - immer sehr frei und eigenwillig allerdings - populärer Genres wie Abenteuer, Historie, Krieg oder Western bedient. Mittlerweile gehört David B. zu den bekanntesten Vertretern der neuen Autorengeneration, er ist enorm produktiv und arbeitet mit denselben Ansprüchen für die unabhängige Association wie für grosse Verlage.





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